Suche:
Sprachen:
deutsch | english
dora tass - hyperbook


In seiner kantigen und schmucklosen Minimalität ist das ‚Hyperbuch’ von Dora Tass eines der kompromisslosesten Werke die in den letzten Jahren im Bereich des so genannten ‚Nicht-Buches’ realisiert worden sind. Es stellt die letzte Station einer stufenweisen semiologischen Entwicklung dar, im Zuge derer im Laufe des 20. Jahrhunderts das Zeichen ‚Buch’ für einen offenen Diskurs über den Kulturbegriff genutzt wurde. Dieses Werk entsteht genau zu jenem Zeitpunkt als das Buch, in seiner kommunikativen Funktion bereits großteils durch die elektronischen Medien ersetzt, eine Aufwertung vom bloßen Instrument zum Symbol des Bewusstseins erfährt und somit eine Rolle einnimmt, die es bereits seit jeher in der religiösen Ikonografie innehatte; denn jeder Heilige oder Engel, der ein aufgeschlagenes Buch hält ist weit davon entfernt, selbst die Hauptfigur darzustellen, sondern hat in Wirklichkeit immer bloß die Funktion eines Lesepultes erfüllt.

Wenn wir uns die einzelnen Stationen der graduell sich entwickelnden weltlichen Transformation des Zeichens ‚Buch’ und seine Erweiterung in die Sphäre des Existenziellen hinein (wie sie von den historischen Avantgarden und den Neoavantgarden betrieben wurde) genauer ansehen, so finden wir verschiedene Elemente, die dann verdichtet in dieser großen Struktur zusammengeflossen sind.

1932 stellt Tullio d’Albisola Bücher aus Blech in einer Konservenfabrik her. Es handelt sich dabei um die weltweit erste Ausgabe von Metallbüchern mit dem Ziel, eine Alternative zum Material Papier, das der Futurismus mit Bürokratie und Akademie assoziiert, zu schaffen. 1969 konstruiert Vincenzo Agnetti ein Buch in dem er von jeder Seite genau den Teil des Papiers wegnimmt, der eigentlich für den Text vorgesehen ist. Es ist ein Buch der Ränder: die an den Rand gedrängte Kommunikation. Eine dramatische Rückbesinnung auf das archetypische Buch in seiner nackten Objekthaftigkeit. 1975 veröffentlicht Ennio Pouchard in mehreren Ausgaben der Elleci das erste transparente Buch. Dies sind die drei italienischen Vorgänger des gegenwärtigen Hyperbuchs; der erste ist es durch die Verwendung des Metalls, der zweite durch die Nullstellung des Wortes und der dritte durch die Sichtbarkeit und Beweglichkeit des Inhalts. Durch die aufgerichtete Position, die großen Abmessungen, die hölzernen Klammern, welche eine Skulptur aus Luft umfassen ist es möglich, in meinem Hyper Ovum von 1987, dem ‚Hyper-Ei’, eine Ergänzung zum Hyperbuch zu sehen.

Die feinen rechteckigen Begrenzungslinien des Hyperbuchs schaffen eine dünne linguistische Grenze um die Wirklichkeit, die sie auf die Seiten bannen. Man kann sie betreten und verlassen, und sie impliziert die anthropologische Vorstellung eines ‚Heiligen Bezirkes’. Dora Tass ist ausgebildete Anthropologin; und mit Metallkunst kam sie erstmals in Berührung indem sie häufig im Atelier des römischen Künstlers und Libristen Sandro Coccia zu Gast war.

Das Hyperbuch blättert sich wie jedes Buch. Wie jedes Buch hat es eine gerade Anzahl an Seiten. Aber es hat keinen halbzylindrischen Rücken wie jedes Buch, sondern, als Folge der technologischen Starrheit seines Materials, einen glänzenden Quader in dem sich die Vorrichtungen zum Wenden der Seiten verstecken und in dem sich die Umgebung spiegelt.

Das Hyperbuch sagt uns, dass unsere Wahrnehmung jener universellen Manifestation, die wir ‚Wirklichkeit’ nennen, durch unsere Kultur geprägt ist.
Es sagt uns, dass die tausendjährige Schichtung des Logos die Welt und unser Gehirn geformt hat. Dass in dieser post-biologischen Epoche die Ränder gefallen sind, das Wort Fleisch geworden ist; beziehungsweise dass die Sprache eins geworden ist mit der Welt, und mit uns.

Mirella Bentivoglio
Veröffentlicht im BTA (Telematisches Bulletin der Kunst)

Druckansicht Druckansicht

created with ed-it.®
Galerie artepari GmbH, Peter-Tunner-Gasse 60, 8020 Graz, Austria, office@artepari.com